Reiseberichte

Reisebericht März 2018

Die Reise im März war kurz aber spannend.

Wir flogen nach Mumbai, um in Andheri Schwester Arokia zu treffen.  Mit einem uralten klapprigen Taxi, 34 Grad und keine Klimaanlage, fuhren wir dann an den Bahnhof nach Dadar, um von dort mit dem Nachtzug nach Khandwa zu fahren.
Bahnfahren mit Einheimischen in Indien ist schon allein ein Urlaub wert. So etwas erlebt man nie mehr. Schon außen auf den Zügen stehen große Schilder auf welchen man nachlesen kann ob man hier einen Platz reserviert hat. In einem Nachtzug geht ohne Reservierung gar nichts. Sollte man kein Ticket haben, wird man an der nächsten Station vom Schaffner wortwörtlich an die frische Luft gesetzt.
Sobald der Zug in den Bahnhof einfährt, kommen die Kinder aus allen „Löchern“, um in die Züge zu rasen und dort alte Flaschen zu sammeln. Das gleiche passiert auch auf den Gleisen und man muss sich nicht wundern, dass so viele Menschen vom Zug erfasst und getötet werden.

Wir verbringen für 180 km ca. 12 Stunden im Nachtzug und keiner von uns Drei kommt richtig zum Schlafen. Es ist heiß und ein stetiges Ein und Aussteigen von Fahrgästen. Dann kommt wieder ein Chai(Teee)Verkäufer und fragt uns ob wir einen Tee möchten obwohl er eigentlich sieht, dass wir eigentlich schlafen. Dasselbe macht natürlich der Verkäufer von verschiedenen scharfen Speisen auch.

Wir kommen am frühen Morgen in Khandwa an und treffen Schwester Jaya. Für uns alle soll es ein großartiger Tag werden. Wir machen uns mit einem uralten Geländewagen auf in tiefe Teakwälder. Dort kaufen wir verschiedenen Bauern Ziegen ab. Diese laden wir in unser Fahrzeug und fahren dann zu verschiedenen Orten. In diesen Orten wohnen Witwen mit ihren Kindern. Alle haben mindestens 4 Kinder. Teilweise sind die Ehemänner bei Unfällen gestorben, haben sich erhängt weil sie die Familie nicht ernähren konnten und keinen Ausweg mehr gewusst haben oder waren schwer krank.

Eine Ziege kostet ca. 50 € und macht unsere Witwen wirklich reich. So sieht der Weg zum Reichtum aus: Eine Ziege ist zweimal im Jahr trächtig. Also wenn die Ziege, welche wir gebracht haben, wirft, wird dieses Ziegenlamm verkauft. Die Witwe erhält 50 € vom Käufer und kann nun ihre Kinder min. 2 Monate versorgen. Bald wirft die Ziege wieder und wieder wird die Ziege verkauft. Zwischendurch wird auch eine Ziege behalten, so dass sich zwei Ziegen fortpflanzen.
Wo trifft die Ziege den Geißbock? Ganz einfach. Es gibt Ziegenhirten. Die laufen am frühen Morgen durchs Dorf und sammeln alle Ziegen ein und bringen diese in eine Gegend wo es etwas zum Essen für die Ziegen gibt. Ziegen klettern übrigens auch auf Bäume!! Am Abend bringt er die Ziegen wieder zurück. Und die Tiere haben nun den ganzen Tag Zeit gehabt, um sich fortzupflanzen. Der Ziegenhirte bekommt pro Ziege im Monat 1 € fürs Hüten von dem Ziegen-Eigentümer.

Das gleiche Spiel passiert übrigens auch mit den Kühen.
Wir machen 5 Witwen und einen Witwer an diesem Tag überglücklich. Da die Wege weit sind, benötigen wir wirklich den ganzen Tag für diese Aktion.
Nach dem Mittagessen fahren wir in einen größeren Ort. Dort wollen wir Nähmaschinen kaufen. Schwester Jaya hat schon vorsondiert, um einen guten Preis zu bekommen. Strom gibt es keinen und so müssen wir Tretmaschinen kaufen. Die Schwestern handeln von 5900 Indischen Rupien auf 5400 Rupien und freuen sich ihres Lebens. Das sind ca. 80 €. Ich parke meine Schwester Jaya und Arokia in einem Eck und nehme mir den Gechäftsinhaber vor. Ich erkläre ihm, dass diese Maschinen für arme Mädchen sind und ich extra aus Deutschland kam, um die Maschinen zu kaufen. Dass wir eine Haushaltsschule (indisch GiriCenter) gründen möchten und die verstoßenen Frauen hier alles für den Haushalt Notwenige erlernen. Ich frage ihn ob er mir nicht helfen wolle? Er lächelt und gibt mir seine Hand. 5000 Indische Rupien das Stück und wir kaufen statt 5 nun 10 Nähmaschinen. Noch bevor unser Geländewagen das Convent erreicht, hat er geliefert. In Indien ist ein Geschäft übrigens kein geschlossener Raum sondern einfach ein Irgendetwas mit drei Wänden im Freien.
Am Nachmittag bepacken wir noch Kartons mit Getreide. Dieses haben die Schwestern mit den Kindern selbst angebaut, geerntet und gedroschen. Einen Teil geben sie für das Haus in Anheri ab. Also sind die Getreidekartons unsere neuen Wegbegleiter. Da es keine Übernachtungsmöglichkeit für uns gibt, fahren wir in die Nacht hinein zum nächsten Boardinghouse der Fatima Schwestern.

In der tiefen dunklen Nacht erreichen wir Melghat. Dieser Ort ist wichtig, da wir hier in den Ortschaften ringsum Lehrer beschäftigen. Diese Lehrer für die Support-Classses werden vom Spendenerlös des Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums Durmersheim finanziert.
Support-Classes sind Klassen, die zwar den indischen Standard in den Schulen gelehrt bekommen, aber durch unsere Unterstützung aufgebaut werden und daher Englischunterricht haben. Wir fahren alle Orte ab und es ist unglaublich. Kinder und Ziegen sitzen in einem Klassenzimmer auf dem Boden, um unterrichtet zu werden. Hin und wieder liegt auch eine Kuh dazwischen. Von einem Freund des Indischen Regenbogens haben wir Geld bekommen von welchem wir Rucksäcke kauften. So konnten wir 90 Rucksäcke verteilen, welche die Kinder nun als Schulranzen nutzen. Die Kinder tanzen und singen vor Freude. Sie wollen uns gar nicht mehr gehen lassen.
An den Wänden hängen uralte Schiefertafeln. Hier gibt es überall Strom. Zwar nicht den ganzen Tag aber doch zu 65 %. Und so versprechen wir Computer anzuschaffen damit die Kinder nicht nur Flugzeuge in ihren Schulbüchern sehen sondern sehen können, wenn man in die Welt fliegt, wie es dort aussieht.

Ich war die erste Europäerin die sie sahen und auch die erste blonde Frau.

Wir benötigen noch einen weiteren Tag in Melghat, denn wir möchten auch die Krankenstationen besuchen. Bei 43 Grad Celsius gibt es hier keine Kühlschränke für die Medizin. Es sterben leider immer mehr Kinder an Malaria, da die Schwestern kein Geld für Medizin haben. Auch sind die Wege so weit und beschwerlich, dass die Patienten sterben bis sie die Krankenstationen  erreichen. Aufgrund der Hitze sind die Menschen bei den Feldarbeiten dehydriert. Sie laufen die weiten Wege zu den Krankenstationen, bekommen eine Vitamin-Infusion gelegt und laufen wieder zurück. Diese Strapazen kann man sich nicht vorstellen. In und um Chikhaldara haben die Menschen das gleiche Schicksal.
Also entschließe ich mich zwei Skooter (Roller) für die Schwestern Lucy und Jaya zu kaufen.
Natürlich brauchen die Beiden noch den Führerschein. Der kostet umgerechnet 50 € und kann in drei Tagen erlangt werden. Genauso fahren die Inder.
In Chikhaldara erleben wir auch eine arrangierte Hindu-Hochzeit. Arrangiert heißt, dass die Eltern die Braut bzw. Bräutigam aussuchen. In diesem Fall wurde das 14-jährige Mädchen von seinen Schwestern „verkauft“. Die Eltern waren tot und somit war die kleine Schwester versorgt. Kann man sehen wie man möchte, aber letztendlich stimmt es.
Das größte Hochzeitsgeschenk war unsere Anwesenheit. Mit einem uralten Tuck-Tuck fuhren wir an. Es war so altersschwach, dass wir es teilweise schieben mussten. Es war wirklich sehr schade, dass wir nicht länger mitfeiern konnten (indische Hochzeiten dauern drei Tage, aber unsere Pflicht rief.
Wir wollten noch ein Dorf besuchen aus welchem sehr viele Kinder in einem Boardinghouse in Achalpur untergebracht sind. Wir kauften an der Straße Biskuits und Bonbons, um diese den Einwohnern und Kindern zu verteilen. Hin und wieder machten wir Einkehr, um einen für uns gebrauten Tee zu genießen.
Die Einwohner waren sehr stolz uns ihre neuen Toiletten zu zeigen. Der absolute indische Hammer:  Premierminister Modi erlies das Gesetz, dass jede indische Familie eine eigene Toilette haben muss. Diese wird nun auch vom indischen Staat finanziert. Auf den Dörfern leben die Menschen nun ja in Hütten aus Stroh und Holz bzw. Kuhdung.
Die indische Regierung fährt nun diesen Einwohnern das Baumaterial für ein WC an und dieses Häuschen muss für eine ggf. Kontrolle hochgemauert werden. Leider fehlt das Wesentliche. Die Wasser-und Abwasserleitung. Es gibt kein Wasser!! Woher und für was dann die Leitung. Man kann sagen, dass die Dorfbewohner im großen und Ganzen nun ein zusätzlichen Raum für Vorräte haben. Und gehen lieber weiter für die Toilettengänge aufs Feld. Herzlichen Glückwunsch Herr Modi.
Auch hier müssen wir wieder Ernte einfahren. Auf sehr hohen Bäumen wachsen Fingerfruits. Wir kennen diese Früchte hier in Europa nicht. Sie sehen aus wie Schlangengurken, jedoch schwarz. Sie schmecken sehr bitter und müssen in Salzwasser gekocht erden damit sie genießbar sind. Noch drei Tüten neue Wegbegleiter.
In der kommenden Nacht ging die Fahrt weiter nach Achalpur.

Hier ist Schwester Teresa (so ist es richtig geschrieben) die Chefin. Sie lebte drei Jahre in Österreich und fragt uns alle 10 Minuten in einem schrillen Ton „Wie geht es ihnen? Geht es ihnen gut?“ Unsere Antwort wartet sie nicht ab bevor sie sagt „Wunderbar“.

Wunderbar. Ich mache mich den nächsten Tag auf den Weg, um die beiden Roller zu kaufen bzw. zu bestellen. Pech gehabt. Der Verkäufer kann kein Englisch und ich kein Maharati. Also suche ich mir erst jemanden zum Dolmetschen.
Ich bestelle zwei Honda-Skooter und handle unter schwierigsten Bedingungen zwei Helme als Naturalrabatt aus. Nach 30 Minuten bin ich total glücklich zwei Scooter für rund 1800 € zusammen gekauft zu haben. Sogar die neuesten Modelle. Gleich als wir wieder in Deutschland waren, überwies ich das Geld nach Indien, so dass die Skooter in diesen Tagen wahrscheinlich an ihre neuen Besitzer ausgeliefert werden können.

Den restlichen Tag verbringen wir mit den Kindern. Wir spielen mit ihnen und das Wichtigste für sie ist von uns gestreichelt zu werden. Meinem Mann und mir fällt es unsagbar schwer am Abend wieder den Nachtzug zu besteigen und die Kinder zurück zu lassen. Auch diesen Kindern und Schwestern verspreche ich, wenn ich wiederkomme, dass wir einen Computer kaufen. Und auch hier gibt es wieder Früchte zum Mitnehmen. Die Kinder und Schwestern in Andheri werden alles nur nicht verhungern.

Bepackt mit vielen Tüten und Kartons besteigen wir in Achalpur den Nachtzug, um zurück nach Dada zu fahren. In den 13 Stunden kommen wir nicht zum Schlafen und wir Europäer sind das absolute Highlight in dieser Nacht.

Wir haben unsagbar viele Kinder und Schwestern glücklich gemacht als wir wieder im Kloster in Andheri ankommen. Es ist Karfreitag. Mit Schwester Ranjana erledige ich alle bürokratischen Arbeiten. Wir protokollieren was der Indische Regenbogen alles in den letzten Tagen geleistet hat und legen fest was wir im kommenden November vorhaben. Die Tour muss bald festgelegt werden, den wieder müssen die Nachtzüge gebucht werden.
Unsere Zeit geht in Indien zu Ende.
Und wir können beide sagen, mein Mann und ich, wir haben die schönste Karfreitag-Messe in unserem Leben erlebt. 7000 Christen haben zusammen friedlich mit Hindus gesungen und gebetet. Und ich habe für jeden einzelnen Paten und Freund des Indischen Regenbogen gebetet und danke gesagt.

Noch in der gleichen Nacht bringt uns die Lufthansa gesund und wohl erhalten zurück nach Frankfurt.

Und hier planen wir bereits für unsere nächsten Benefizkonzerte im Sommer und Herbst.

Besonderen Dank hier an Sabine Zoller und Mario Ströhm und die nächste Reise im November.

Wir sind dankbar für jede weitere finanzielle Unterstützung und wünschen allen Freunden des Indischen Regenbogen einen schönen Sommer und bitte, bitte besuchen Sie auch unsere Konzerte.

Ihre Alexandra Nowack
Vorstand Indischer Regenbogen e.V.